Eigentlich wäre ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu

«Funktionierst du noch oder lebst du schon?» Diese Frage – ein leicht abgewandelter genialer Slogan des Möbelhauses IKEA – sollte sich jeder dann und wann stellen. Viele Menschen funktionieren einfach, das heisst, sie passen ihr Leben der Funktion an, die sie aus welchen Gründen auch immer haben. Ihrer Funktion in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft. Dabei hatten und haben sie ganz andere Träume. Eigentlich wollten sie schon immer etwas ganz anderes tun, machen, erleben. Eigentlich.

Nun ist «eigentlich» eigentlich die kürzeste Ausrede der Welt. Dem «Eigentlich» folgt eine Einschränkung, die mit «aber» oder «wenn» beginnt. Eigentlich würde ich gerne mehr Sport treiben, aber meine Arbeit hält mich davon ab. Eigentlich wollte ich gar nicht ans Meer in die Ferien, aber meine Frau wollte unbedingt. Eigentlich wäre ich ein gut organisierter Mensch, wenn nicht alle um mich herum lauter Chaoten wären. Eigentlich wollte ich schon lange nicht mehr eigentlich sagen … aber dieses Eigentlich lässt mir angenehm viel Raum, nicht konkret zu leben.

Eigentlich wäre ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer liegt bei 76 Jahren, bei Frauen bei 82 Jahren. Was das für Ihr Leben in diesem Augenblick bedeutet, können Sie sich mit Hilfe eines Massbands vor Augen führen. Schneiden Sie es bei ihrer wahrscheinlichen Lebenserwartung ab – bei 76 oder 82 cm –, und dann machen Sie einen Knick bei ihrem aktuellen Alter. Sie haben jetzt visuell vor sich, wie viel Sie bereits «verlebt» haben und wie viel formbares Leben laut Statistik noch vor Ihnen liegt. Das, was hinter Ihnen ist, können Sie nicht mehr beeinflussen. Das, was noch vor Ihnen liegt, können Sie prägen. Mit ihren Werten, Wünschen, Beziehungen. Mein persönlicher Lebensslogan ist: «Design your life – before it designs you», «Gestalte dein Leben – bevor es dich gestaltet». Für mich heisst das: Ich entscheide, wie ich mein Leben einrichte.

Wie viel Ressourcen habe ich, um mein Leben zu gestalten?

Jeder Mensch hat nur 100 Prozent Energie, mehr Ressourcen gibt es nicht – aber viele überziehen permanent ihr psychisches und physisches Energiekonto. Eigentlich würden sie gerne das Leben mehr geniessen, aber es bietet so viel, dass sie zu viel hineinpacken. So nach dem Motto: «Lebe jeden Tag, als wär›s der letzte.» In gewisser Hinsicht ist das ein gutes Motto. Es erinnert an die Endlichkeit des Lebens und mahnt, Wichtiges – und Schönes! – nicht auf den St. Nimmerleinstag hinauszuschieben. Doch wer aus lauter Angst vor dem letzten Tag meint, er müsse am vorletzten noch alles erlebt und alles erledigt haben, der kommt vor lauter Stress nicht zum Verschnaufen und hat am Ende überhaupt nicht gelebt. Wer in diesem Sinne jeden Tag gelebt hat, als wär›s der letzte, der wird wohl tatsächlich am letzten Tag nur noch keuchen können: «Wie gut, dass dieser Tag endlich gekommen ist. Ich mag nicht mehr!»

Wer energiemässig ständig über seine Verhältnisse lebt, wird irgendwann Schaden erleiden. Dass wir ein Auto nicht über längere Zeit im roten Drehzahlbereich fahren dürfen, ist uns allen klar. Irgendwann raucht es, dann knirscht und kreischt es und dann ist fertig lustig. Wenn wir als Menschen zu lange «im roten Bereich» leben, beginnt es auch irgendwann einmal zu knirschen. Eine enorme Unzufriedenheit macht sich breit. Und diese Unzufriedenheit ist nur Symptom für viel tieferliegende Probleme.

Anders werden als ich bin – aber wer bin ich?

Um dem Leben eine neue oder eine andere Richtung zu geben, muss ich mich mit mir selber auseinandersetzen. Wer bin ich? Was macht mich zu dem, was ich bin? Bin ich, was ich sein will?

Eigentlich wäre ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu: Wer diesen Gedanken denkt, sollte sich zuerst einmal Zeit nehmen, sich mit dem Anderssein auseinanderzusetzen. Das Lebenstempo einmal zurückfahren, entschleunigen. Das Leben entschleunigen bedeutet, mir selber die Chance geben, nachzudenken, zu träumen, Wünsche zu äussern, neue Ziele zu setzen, Pläne zu schmieden und dann erste Schritte in ein neues Leben zu tun. Wenn wir das nicht ohnehin von Zeit zu Zeit tun, wird unser Leben zu schnell. Und wie beim Autofahren wird’s irgendwann mal richtig teuer.

Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit einzelnen Tagen der Entschleunigung. Schliesslich kann man ja nicht immer gleich für ein halbes Jahr ein Time-out nehmen. Das können sich – Modetrend hin oder her – nur wenige erlauben. Für mich bedeuten diese kurzen Auszeiten, dass ich hinausgehe in eine schöne Umgebung, irgendwohin, wo mir niemand dreinredet. Für mich heisst das dann immer auch mit Gott reden. Ich bin überzeugt, dass Gott genau weiss, was für mich gut ist und was nicht. In Zeiten der Hektik suche ich an solchen Tagen im Gespräch mit Gott Antworten auf die verschiedensten Fragen, die mein Leben und meine Arbeit betreffen und die Menschen, mit denen ich zusammen bin.

Vieles, was mich nervt und mich viel Kraft kostet, ist danach oft ganz anders. Im Gespräch mit Gott finde ich neue Perspektiven und vor allem Ruhe. Daraus entwickeln sich neue Kräfte, die mir dann wieder zur Verfügung stehen.

Um das Leben zu entschleunigen, muss man zuerst bewusst Ruhe suchen. Es muss ja auch nicht immer gleich ein ganzer Tag sein. Manchmal reichen ein paar wenige Minuten. Mit der Zeit wächst dann vielleicht sogar die Lust auf mehr als auf ein paar Minuten. Prozess statt Programm.

Weniger ist manchmal mehr

Vor kurzem stand ich vor einer wichtigen Entscheidung betr. meiner beruflichen Entwicklung. Ich hatte ein sehr gutes Stellenangebot und hätte fast das doppelte meines heutigen Gehalts verdient. Es hätte mich schon gereizt – denn ob ich noch einmal ein so gutes Angebot bekomme, bezweifle ich. Die Situation hat mich in Unruhe versetzt und Fragen aufgeworfen. Der damit verbundene Ortswechsel hätte auch Einfluss auf meine Beziehungen zu Freunden und Bekannten gehabt. Ich musste mir überlegen: Habe ich Lust, noch einmal ganz von vorne zu beginnen? Was ist mir wichtiger – Prestige und Geld oder Beziehung und Glück? Ich habe mich zurückgezogen, mit Gott geredet, und am Ende dieses Prozesses hat sich ein Stichwort in meinen Gedanken festgesetzt: Lebensqualität. Was heisst eigentlich Lebensqualität für mich? Und nachdem ich mir noch ein paar Gedanken mehr gemacht hatte, wusste ich, dass ich dieses Angebot ablehnen würde.

Mir war klar, dass ich für ein paar Jahre auf einem Energielevel arbeiten müsste, der wesentlich über den mit zur Verfügung stehenden 100 Prozent Energie laufen würde. Ich würde also Raubbau betreiben – bewusst und gut bezahlt. Ich hätte keine Zeit und keine Kraft mehr für Hobbys und Beziehungen gehabt. Ich hätte mich bewusst und gut bezahlt gegen meine Freunde entschieden. Ich hätte mich gegen mich selber entwickelt – bewusst und gut bezahlt. Was ich damit sagen will: In einer leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft ist es gar nicht so einfach, den eigenen Weg zu gehen. Prestige zählt viel, und mit Statussymbolen anderen zu imponieren ist doch auch schön, frei nach dem Motto «Man gibt Geld aus, das man nicht hat, für Dinge, die man nicht braucht, um damit Leuten zu imponieren, die man nicht mag.»

Leben oder gelebt werden

Wie viel Kraft geht dabei drauf – bewusst, vielleicht öfters unbewusst. Was wäre, wenn das Leben weniger spektakulär, weniger wichtig, weniger angefüllt wäre? Vielleicht weniger laut, dafür tiefer. Man kann das Leben nicht verlängern, aber man kann das Leben vertiefen. Das, was in Ihrem Lebensband noch vor Ihnen liegt, können sie nicht einfach so verlängern, aber sie können ihr Leben bewusster, tiefer leben. Und manchmal muss man dafür sogar zurückstecken. Ich habe mich kürzlich mit jemandem unterhalten, der eine Führungsposition aufgegeben hat. Er war führender Direktor, abgesichert, gutes Salär, Boni – bis er sich überlegte, welches eigentlich seine Wünsche sind. Er hat die Stelle aufgegeben und eine Führungsposition in einer grossen christlichen Organisation übernommen. Sein Gehalt ist ein Witz gegenüber dem früheren – aber er ist glücklich und tut mit viel Enthusiasmus seine Arbeit. Um richtig verstanden zu werden, es ist nicht falsch, bedeutend, reich und erfolgreich zu sein. Die Frage ist, ist das mein Leben – oder ist es einfach das Resultat von Entwicklung. Immer wieder begegnen mir Menschen, die realisieren, dass sie eigentlich ganz anders sein wollen, die sich ein Herz gefasst und ihr Leben verändert haben. Diese Menschen haben das nicht von heute auf morgen gemacht. Auch hier findet Prozess statt Programm statt. Oder wie es Herman Hesse sagte: «Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde». Nimm Abschied und gesunde. Auch hier wieder – Prozess statt Programm.

Es ist nie zu spät, dem Leben neue Richtung zu geben

Wie haben Sie sich das Leben vorgestellt, als Sie zehn, zwanzig, dreissig, vierzig waren? Was ist aus ihren Träumen geworden? Wovon haben sie geträumt, was geplant? Wogegen haben sie rebelliert, was wollten sie neu gestalten und erfinden?

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die mich immer sehr beeindruckt hat. Lot soll mit seiner Familie aus Sodom und Gomorra fliehen (Sie können das in 1. Mose 19,12-17 nachlesen). Engel drängen Lot und seine Familie, die Stadt zu verlassen. Gott befiehlt ihnen: «Schaut nicht zurück!» Natürlich ist es nicht grundsätzlich falsch, sich zu erinnern, sich vielleicht nach dem einen oder anderen Moment aus dem bisherigen Leben zu sehnen. Aber wer nur der Vergangenheit nachtrauert und wer nur die schlechte oder gute Vergangenheit zum Lebensgestalter macht, wird keine Zukunft gestalten. Das hat auch Lots Frau dann erfahren – ziemlich hart.

Lots Frau schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule. Für mich ist das nicht einfach eine Geschichte – sondern Symbol für Leben oder Tod. Lot und seine Familie mussten ihrem Leben eine neue Richtung geben. Wortwörtlich. Sie mussten ihr soziales Umfeld verlassen – das ist hart. Sie wussten nicht genau, was die Zukunft bringt – das löst Ängste aus. Sie mussten neu anfangen – das kostet Kraft. Und alles nur im Vertrauen darauf, dass Gott ihnen helfen wird. Lot hat Gott vertraut, nicht aber seine Frau. Sie hat zurückgeschaut - zur Vergangenheit. Sie wollte nicht anders werden. Sie war nicht bereit, dem Leben eine neue Richtung zu geben. Und beim Blick zurück erstarrte sie zur Salzsäule. Immer wieder beobachte ich Menschen, die zwar physisch noch am Leben sind, aber in ihren Gedanken nichts anderes als Salzsäulen haben. Nicht bereit, Neues zu wagen.

Jesus liebt uns nicht eigentlich – sondern wirklich

Auf dem Weg zu einem neuen Leben, auf dem Weg zum Anderssein empfehle ich, die Hilfe von Jesus in Anspruch zu nehmen. Jesus liebt uns Menschen und wir können das tagtäglich. Ich lasse mir gerne von Jesus helfen, weil er mich nicht eigentlich liebt, sondern wirklich. Ich muss bei ihm kein Image pflegen, er kennt mich so oder so. Jesus ist an unserem Leben interessiert und hilft uns beim Anderswerden. Jesus nimmt uns an wie wir sind – aber er will uns nicht lassen, wie wir sind. Denn er weiss, was alles in uns steckt. Er will uns helfen auf dem Weg zum Anderssein.

Es gibt verschiedene Schritte, vom «eigentlich» wegzukommen.

Fangen Sie heute an darüber nachzudenken, wie die restlichen Jahre ihres Lebens sein sollen. Es wird nicht gleich alles anders. Und ein neues Leben muss auch nicht gleich mit viel Lärm lanciert werden. Werden Sie sich einfach zuerst klar darüber, was Ihre Vorstellung von einem glücklichen Leben ist. Erwarten Sie keine Begeisterungsstürme von anderen, wenn Sie erste Änderungen einführen. Ändern Sie nicht alles auf einmal. Manchmal gewinnt man schon viel Lebensqualität, wenn grosse Fehler oder Schwächen kleiner werden. Oder wenn kleine Wünsche oder Träume reeller werden.

Gestalten Sie ihr Leben – bevor es Sie gestaltet. Ein kleines Gebet fasst diese Chance gut zusammen. «Jesus, gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.»

© Verena Birchler

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