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«Das Harmonie-Dilemma» – Jeder Konflikt verdient eine Chance.
von Verena Birchler
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Die Frau ist mehr als eine Rippe
Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Ich war auf einer Schneeschuh-Tour oberhalb des Morteratsch-Gletschers im Engadin. Alles perfekt. Frischer Schnee, blauer Himmel. Vor Augen all die wunderschönen Berge. Wir waren eine Gruppe von 15 Personen. Männer und Frauen. Schon nach einer Viertelstunde bemerkte ich, dass eine Frau, Agnes, hinter mir fast nicht mehr mithalten konnte. Sobald das Gelände etwas steiler wurde, rutschte sie aus, verkrampfte sich, musste sich wieder aufraffen, vergass im Stress zu atmen, geriet in Panik und wollte schon aufgeben. Ich konnte sie gut verstehen. Ähnliches passiert mir auf Skitouren. Wenn das Gelände steil und vereist ist, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Und ich reagiere genau gleich. Verzweifelt sagte dann Agnes: «Ich habe mich doch so auf dieses Erlebnis gefreut. Aber mein Mann sagte von Anfang an, ich könne das nicht. Und überhaupt, ich solle nicht mitkommen – er wolle sich nicht schämen mit mir.» Was glaubt dieser Mann eigentlich. Seine Frau kann mehr, als er meint. Und zu schämen brauchte er sich für sie auch nicht. Mir schien, Agnes hat jahrelang von ihrem Mann erklärt bekommen, was sie kann und was nicht. Und sie scheint es ihm geglaubt zu haben.
Zeit für tief schürfende Gespräche war nicht vorhanden, schliesslich lief die Gruppe bereits etwa fünf Minuten vor uns. Wir machten dann ab, dass Agnes genau so läuft, wie ich vorausgehe. Und ich achtete darauf, dass ich mein Tempo und meine Schrittgrösse ihrem Können anpasste. Und plötzlich ging alles ganz leicht. Wir schafften den Anschluss an die Gruppe. Agnes lief den ganzen Tag hinter mir her und ihr Mann äugte immer verdutzter nach hinten. Dieses Mannsbild brachte es fertig, sich den ganzen Tag keinen Deut um seine Frau zu kümmern. Gegen Ende der Tour konnten jene, die noch Lust hatten, eine Zusatzschlaufe gehen. Ich staunte selber, dass Agnes nun auch diese noch packte, nur dass sie jetzt nicht mehr hinter mir herging, sondern irgendwo sich in der Gruppe einordnete. Und ihr Mann brachte sogar ein paar anerkennende Worte über die Lippen. Als wir dann endgültig am Ende der Tour waren, zog er ihr sogar die Schneeschuhe aus – ohne blöde Nebenbemerkung. Beim abschliessenden Bier legte er schon fast leibevoll den Arm um ihre Schulter. Zum Abschied bedankte sich Agnes bei mir und meinte, dass dies eines ihrer schönsten Erlebnisse gewesen sei. Nur schade, dass sie sich nicht schon früher solche Sachen zugetraut hatte.
Sind Frauen Menschen zweiter Klasse?
Agnes ist eine Frau von vielen. Die Muster gleichen sich, wiederholen sich und scheinen nie auszusterben. Sie trauen sich selber zuwenig zu, oder denken gar nicht darüber nach. Viele lassen sich durch Männer dominieren, vieles geschieht unbewusst – bei Mann und Frau. Bewusst zu leben bedeutet halt auch, sich Gedanken zu machen über da Art und Weise wie Rollen eingenommen und ausgelebt werden. Plötzlich aber kommen Momente, neue Phasen im Leben, da hinterfragen sich Frauen. Wars das nun? Nicht nur Männer haben ihre Midlife-Crisis. Auch Frauen beginnen plötzlich die Chlichés in ihrem Leben genauer anzuschauen und versuchen, sich neu zu definieren. Das kann beim Schneeschuhlaufen beginnen und bei einer grossartigen Aufgabe enden. Nur erleben diese «bewegten» Frauen, dass es gar nicht so einfach ist, aus ihrem alten Leben auszubrechen und es neu zu gestalten. Frauen müssen sich auch heute noch behaupten gegen Clichés und eindeutige Benachteiligung in der Gesellschaft. Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus, leisten zwei Drittel aller Arbeitsstunden, verdienen ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen weniger als ein Hundertstel des Weltvermögens. Allein der letzte Satz müsste bei jeder Frau Schreikrämpfe auslösen. Aber das geht nicht. Denn wie heisst es so schön: Brüllen Frauen, sind sie hysterisch. Brüllen Männer, sind sie dynamisch (Hildegard Knef).
Aber es geht auch anders, denn nicht alle Männer brüllen und unterdrücken Frauen. Persönlich habe ich oft das Gegenteil erlebt. Ich wurde öfter von Männern ermutigt Neues zu wagen als von Frauen. Ob das jetzt im privaten oder im beruflichen Bereich war. Beruflich wurde ich oft in Situationen gestellt, die ich mir selber gar nicht zutraute. Ich reagierte oft «typisch Frau». Kann ich das? Was wenns schief geht? Ich erinnere mich an mein erstes Referat. Es war im Rahmen einer Ausbildung im Bereich Jugend und Sport. Ich musste mit einem Experten gemeinsam eine Gruppe während einer Woche führen und ausbilden. Und dann kam der Moment, wo ich mein erstes Fachreferat zu halten hatte. Zeitbudget: 50 Minuten. Ich war damals Brillenträgerin, es war Winter und ich trug einen dicken Pullover. Ich begann zu reden. Ich begann zu schwitzen und meine Brille begann anzulaufen. Ich redete und redete und redete. Auf die Idee, meine Brille kurz abzunehmen, mir wieder klare Sicht zu verschaffen, kam ich nicht. Ich war viel zu verkrampft. Also schwitzte ich weiter und vor lauter Mattscheibe sah ich nun wirklich nichts mehr. Nach einem Redemarathon von ca. 10 Minuten beendete ich das Referat und beschloss, mich für den Rest meines Lebens in einer Höhle zu verkriechen und nie mehr öffentlich zu reden. Nun, der Experte, ein Mann, gab mir weitere Chancen. Denn im Grunde genommen kann ich reden, kann ich mich einigermassen logisch und verständlich ausdrücken. Was mir fehlte waren die Trainingsmöglichkeiten, der Mut und daraus resultierend die Erfahrung. Als ich Jahre später am Christustag in Bern vor 30›000 Personen sprach, war das für mich ein lustvolles Erlebnis, ohne Angst und Nervosität. Wie gesagt, Männer haben mich öfter ermutigt als Frauen. Von Frauen habe ich sehr oft Neid erlebt. Nach meinen Erfahrungen eine der häufigsten Schwächen unter Frauen. Sie waren es, die meinten, Frauen hätten ausschliesslich im Hintergrund zu dienen. Und dann murmelten sie noch so Worte wie «Unterordnung und der Mann muss führen». Früher habe ich mich über solche Frauen geärgert. Heute tun sie mir leid. Denn ich habe beobachtet, dass diese Frauen oft starke Minderwertigkeitsgefühle haben und das der Neid Ausdruck ihrer Hilflosigkeit ist.
Die Begriffe «Unterordnen» und «Leiten» sind mancherorts sehr beliebte Worte – oft falsch und einseitig interpretiert. Für mich hat das viel mit intelligentem Umgang mit eigenen, von Gott geschenkten Ressourcen tun. Warum soll ich mich in Bereichen abrackern, die andere viel besser können. Da ordne ich mich sehr gerne unter. Wenn ich das mache bleibt viel Energie frei, die ich für meine Stärken nutzen kann. Im Gegenzug zur «Unterordnung» nehme ich Verantwortung wahr in den Bereichen, in denen ich besser bin. Dabei ist mir die Frage nach Mann oder Frau völlig egal. Ich kann diese Überzeugung übrigens bis ins Extreme ausleben. Vor einem Jahr hatte ich eine Abschlussprüfung im Bereich Marketing und Management. Dabei hatte ich u.a. eine Aufgabe zu lösen aus dem Finanzbereich. Das ist nicht mein stärkstes Gebiet. Ich überschlug kurz mein verbliebenes Zeitbudget, die übrigen Aufgaben und entschloss mich, diese nicht zu lösen. Ich schrieb in dieses Feld kurzerhand: «Für diese Aufgabe würde ich den kaufmännischen Leiter befragen und mir von ihm eine Lösung ausarbeiten lassen.» Ich würde es tatsächlich so machen, da er in gewissen Bereichen einfach besser ist als ich, und ich sehr grosses Vertrauen in seine Fachkompetenz habe. Im Gegenstück gibt es aber Bereiche, in denen ich durchaus fit bin. Da lass ich mir dann auch nicht einfach dreinreden und erwarte von anderen, dass sie sich mir unterordnen. Egal ob Mann oder Frau. Für mich ist es wichtig, sich gegenseitig zu unterordnen und damit den anderen oder die andere zu respektieren.
Frauen sind zu faul, an sich selber zu arbeiten
Gehen wir zurück zu Agnes. Was sie an diesem Tag erlebte, war ein erster Schritt Richtung persönlicher Entwicklung. Ob das nun Schneeschuh-Laufen ist oder ein Buch schreiben, oder eine Tagesschule für Kinder alleinerziehender Mütter aufbauen oder.... ist egal. Agnes hat sich entschieden, eine neue Erfahrung zu machen. Sie hatte zwar Schwierigkeiten, aber sie hat das Ding durchgezogen. Vielleicht hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben für sich selbst und sehr bewusst Verantwortung übernommen. Meiner Meinung nach ist eine der grössten Schwächen von Frauen, dass sie die Verantwortung für ihr Leben einfach an ihre Männer abdelegieren. Oft begründen sie dies noch mit einem frommen «sich unterordnen». Nur hat dies oft gar nichts damit zu tun. Frauen sind manchmal einfach ganz schön faul. Ich war kürzlich an einer Schmuckparty. Da waren auch einige jüngere Frauen. Eine, ca. 25, meinte ganz cool: «Mir würde es gefallen jetzt zu heiraten. Ein bischen Haushalt, am Nachmittag mit Freundinnen zusammenhocken, das Leben geniessen.» Wohlbemerkt, dass war eine Frau, die ausschliesslich an einen Zwei-Personen-Haushalt dachte, denn Kinder wollte sie keine. Jede handfeste Hausfrau, Erzieherin und Partnerin muss ab solchen Aussagen schlucken. Denn echte Haushaltarbeit mit integrierter Kindererziehung und einem Partner der auch Ansprüche und Rechte hat, fordert grosse Managementfähigkeiten, und nicht einfach ein rumhocken. Ich fragte sie: «Wäre das wirklich die Erfüllung deiner Lebensträume? Hast du mit deinem Leben wirklich nicht mehr vor?» «Nein!» Das ich einigermassen schockiert war, brauche ich wohl nicht zu betonen. Nicht selten entwickeln sich genau solchen Frauen unselbständig und unzufrieden. Oft sind sie nicht mehr fähig, eigene Entscheidungen zu fällen und fragen bei den kleinsten Problemchen – «Schatz, was meinst du?» So wichtig die Meinung von Ehemann, Freunden und anderen nahestehenden Menschen ist, sie darf nicht zu einer bequemen Ausflucht werden. Ich habe beobachtet, dass viele Frauen einfach zu faul sind, an sich und an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Sie sind zu bequem, selber Verantwortung zu übernehmen. Es ist so einfach, sich hinter einem Mann zu verstecken. Dass der aber vielleicht gerne eine echte Partnerin hätte, eine Frau die mitdenkt, eine eigene Meinung hat und selber ihren Teil zur Gestaltung des Lebens übernimmt – das blenden viele Frauen aus ihrer Denkwelt aus.
Das Potential ausschöpfen
In den letzten Jahren war das Buch «Männer sind anders – Frauen auch» in vielen Ländern und monatelang ganz oben in den Bestsellerlisten. Vieles ist hilfreich in den Ausführungen, mir wurde aber die Andersartigkeit zu stark betont. Im Anderssein liegt häufig eine Wertung. Menschen definieren sich oft nur über ihr Geschlecht. Dies führt dazu, dass Selbstdefinition vielfach nur über Gegensätze formuliert wird. Die Rollenbilder, verankert in der menschlichen Hirnmasse seit tausenden von Jahren und in allen religiösen und sozialen Strukturen, prägen das Leben von Menschen. Mädchen haben mit Puppen zu spielen und Jungs mit Autos. Die Perspektiven werden eingeschränkt und es braucht Mut, sich daraus wieder zu befreien. Ich wähle extra den Begriff «befreien». «Gott schuf den Menschen» – so berichtet die Bibel. Also am Anfang war nicht Mann oder Frau. Am Anfang war der Mensch. Wenn ich mit Frauen in den Seminaren arbeite, versuche ich immer ihnen ihr Potential aufzuzeigen. Es geht nicht darum, ob Kindererziehung und Haushalt zu wenig oder zuviel ist. Es geht auch nicht darum, dass alle Frauen jetzt in der Wirtschaft Karriere machen müssen oder alleine auf den Mount Everest hecheln. Es geht in keinem Fall darum, dass Frauen alles gleich machen müssen wie Männer. Das können und das sollen sie nicht. Genauso wenig, wie Männer plötzlich zu Frauen mutieren sollen. Es geht um die Würde mit der man Aufgaben macht. Würde heisst aber auch, alles Potential, das Gott in uns Frauen legt, auszuschöpfen. Dies kann schrittweise geschehen. Und das Prinzip, das Agnes möglicherweise ausprobiert hat, ist durchaus anwendbar. Frau kann daraus folgende Gedanken ableiten und sich die folgenden Fragen (am besten schriftlich) selbst beantworten.
- Überlege, warum du dein Leben lebst, so wie du es heute lebst.
- Was willst du weshalb ändern?
- Welches sind die nächsten drei Schritte, um zu ändern was du ändern willst?
Agnes hat vielleicht Folgendes gemacht. Sie ist sich zuerst über ihre Wünsche klar geworden. Das heisst, sie hat in einem ruhigen Moment überlegt, ob eigentlich alles so läuft, wie sie es auch gut findet. Oder läuft ihr Leben nur so, wie es durch ihren Mann gestaltet wurde und wie sie es selber auch zugelassen hat über Jahre, also beide im gleichen Mass für das bisherige Leben verantwortlich waren? In einem nächsten Schritt hat sie sich gegen den Willen ihres Mannes diesen Wunsch erfüllt. Also, sie ist aktiv geworden. Sie hat für sich selber Verantwortung übernommen. Und einmal einen eigenen Weg gehen, kann sehr wichtig sein. Auch wenn es nur im Schnee war. Der Mann war am Ende dieses Tage jedenfalls anders als zu Beginn. Vielleicht hat dieser einzige Tag bei beiden etwas sehr Konstruktives bewegt, beiden ihre eingefahrenen Rollen aufgezeigt. Rollen die wenig Spielraum für neue Erfahrungen offen liess. Eine Frau die ihre Persönlichkeit entwickeln will, die eine Frau nach Gottes Willen sein will, muss lernen selber zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Agnes versuchte es. Und dabei hat sie Grenzen wahrgenommen. Aber sie ist bei diesen Grenzen nicht stehen geblieben. Sie hat Hilfe angenommen und hat so ihre Grenzen erweitert. Sie hat neue, positive Erfahrungen gemacht. Ich weiss, das Beispiel Agnes klingt so banal. Aber die im letzten Abschnitt erwähnten Schritte, gelten auch für grössere Probleme als für Schneeschuh-Touren. Übrigens, falls sich ein paar Frauen mal zusammen tun möchten und eine Schneeschuh-Tour erleben wollen – meldet euch einfach bei mir. Für Grenzerfahrungen bin ich immer zu haben.
© Verena Birchler


