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«Bleibt hungrig. Bleibt töricht.»
Steve Jobs, Vorstandsvorsitzender von Apple fordert in einer erstaunlichen Rede auf: «Bleibt hungrig. Bleibt töricht»
06. September 2005
Die Redner, die den Abschlussjahrgang der Stanford Universität in Kalifornien in das Leben entlassen, sind stets prominent. Ihre Namen bleiben den Studenten der Eliteuniversität in Erinnerung. Für den Inhalt lässt sich das gewiss nicht immer behaupten, wohl aber für die Rede, die Steve Jobs, der 50 Jahre alte Vorstandsvorsitzende des Computerherstellers Apple und des Filmstudios Pixar, in diesem Sommer gehalten hat.
Jobs' Worte werden die Studenten in schweren Zeiten daran erinnern, daß das Leben nicht immer gradlinig verläuft, das Rückschläge zu Fortschritten führen können – und das man im Leben sich selbst stets treu bleiben sollte. «Bleibt hungrig. Bleibt töricht», gibt Jobs den Studenten zum Abschluß seiner Rede auf den Weg – und die wissen am Ende, was damit gemeint ist.
Schon bei seiner Adoption ging etwas schief
«Ich fühle mich geehrt, gemeinsam mit Euch auf Eurer Promotionsfeier einer der besten Universitäten der Welt zu sein. Ich habe nie ein Hochschulstudium abgeschlossen. Um ehrlich zu sein, war ich einer Abschlußfeier einer Universität noch nie so nahe wie heute. Und heute möchte ich Euch drei Geschichten aus meinem Leben erzählen. Das ist alles. Nur drei Geschichten.»
Zunächst beschreibt Jobs, daß schon bei seiner Adoption etwas schief gegangen ist. Jobs' Mutter, eine junge, nicht verheiratete Universitätsstudentin, hatte ihn vor seiner Geburt zur Adoption freigegeben und darauf geachtet, daß die künftigen Eltern dafür Sorge tragen würden, ihrem Kind eine Universitätsausbildung zu ermöglichen. Es war alles vorbereitet, Steve sollte von einem Anwalt und seiner Frau adoptiert werden. «Allerdings, als ich auf die Welt kam, haben sie sich in der letzen Minute entschieden, daß sie doch lieber ein Mädchen adoptieren würden. Also bekamen meine Stiefeltern, die auf der Warteliste standen, mitten in der Nacht einen Anruf.»
«Beängstigend und eine der besten Entscheidungen meines Lebens»
Als die biologische Mutter aber herausfand, daß die Ersatz-Stiefmutter kein Hochschulstudium hatte und der Stiefvater noch nicht einmal die High School abgeschlossen hatte, weigerte sie sich, die Adoptionspapiere zu unterschreiben. Erst nach einigen Monaten gab sie nach, als Jobs' Stiefeltern versprachen, ihn eines Tages ins College zu schicken. 17 Jahre später ging er ins College. «In meiner Naivität habe ich allerdings ein College ausgesucht, das fast so teuer wie Stanford war, und alle Ersparnisse meiner Eltern, die aus der Arbeiterklasse kamen, wurden dafür ausgegeben.
Nach sechs Monaten hatte ich nicht verstanden, welchen Wert das haben sollte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich mit meinem Leben machen wollte und wie mir das College dabei helfen sollte, es herauszufinden. Und ich war dabei, alles Geld auszugeben, das meine Eltern in ihrem ganzen Leben gespart hatten. Also entschied ich mich, das Studium abzubrechen. Das war zu der Zeit sehr beängstigend, allerdings hat es sich als eine der besten Entscheidungen meines Lebens erwiesen. Kaum hatte ich das eigentliche Studium abgebrochen, hörte ich auf, die Seminare zu besuchen, die mich nicht interessierten und besuchte die, die die mir interessant erschienen.»
10 Kilometer für ein kostenloses Essen
Das ging 18 Monate so. Jobs hatte kein eigenes Bett im Studentenwohnheim, mußte also in den Zimmern von Freunden auf dem Boden schlafen. Jobs sammelte Cola-Flaschen, um sich mit dem Erlös aus dem Pfand von 5 Cent sein Essen zu kaufen, und lief jeden Samstag mehr als 10 Kilometer quer durch die Stadt, um ein kostenloses Essen im Hare Krishna-Tempel zu bekommen. «Ich habe es geliebt. Und vieles, in was ich durch Neugier und Eingabe hineingestolpert bin, hat sich danach als unbezahlbar erwiesen.»
Jobs berichtet, daß es im Reed College eine hervorragende Kalligraphie-Ausbildung gab, daß er alles über Serifen und serifenlose Schriften lernte, zu was es führt, wenn man den Abstand zwischen einzelnen Buchstaben verändert, und was wirklich gute Typographie ausmacht. «Es war wunderschön, historisch, künstlerisch-subtil in einer Weise, die Wissenschaft nicht einfangen kann. Es hat mich fasziniert. Ich konnte nicht hoffen, daß irgendetwas davon in meinem Leben einmal wichtig werden würde. Aber zehn Jahre später, als wir den ersten Macintosh-Computer entworfen haben, war es so weit. Wir arbeiteten alles in den Mac ein. Es war der erste Computer, der wunderschöne Schriftzeichen setzen konnte.» Plötzlich hätten sich Punkte des Lebens miteinander verbunden. Auf solche Entwicklungen müsse man sich verlassen.
Der Rauswurf bei Apple war verheerend
In der zweiten Geschichte, die Jobs erzählt, geht es um die Auswirkungen seines Rauswurfs bei Apple, der Entlassung durch das Unternehmen, das er mit zwanzig Jahren in der Garage seiner Eltern mitbegründet hatte – und die Liebe, die berufliche und die private. In zehn Jahren war Apple von einem Zwei-Mann-Betrieb in eine Firma mit 4000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 2 Milliarden Dollar gewachsen. «Also war ich mit 30 draußen. Und das höchst öffentlich. Das, worauf ich mich mein gesamtes Leben als Erwachsener konzentriert hatte war weg. Es war verheerend.»
Jobs wußte nicht was er tun sollte, fühlte sich als Verräter an einer gesamten Generation von Unternehmensgründern. Aber er liebte noch immer das, was er bei Apple getan hatte. Er begann von vorne. Jobs gründete den Computerhersteller Next und stieg beim Filmstudio Pixar ein. «Und ich verliebte mich in eine unglaubliche Frau, die später meine Ehefrau werden sollte.»
Der einzige Weg, grossartige Arbeit abzuliefern
Pixar ist heute das erfolgreichste Studio für computeranimierte Kinofilme der Welt. Später kaufte Apple Next, Jobs kehrte zu Apple zurück. «Die Technologie, die wir bei Next entwickelt haben, ist das Herz für Apples heutige Renaissance. Und Laurene und ich haben zusammen eine wundervolle Familie. Ich bin mir recht sicher, daß alles das nicht geschehen wäre, wäre ich bei Apple nicht gefeuert worden … Ihr müsst herausfinden, was ihr liebt. Und das ist für Eure Arbeit genauso wahr wie für Eure Geliebten. Eure Arbeit macht einen großen Teil Eures Lebens aus, und der einzige Weg, wirklich zufrieden zu sein, ist das zu tun, was ihr für großartige Arbeit haltet. Der einzige Weg, großartige Arbeit abzuliefern, ist, das zu lieben, was man tut...Gebt Euch nicht zufrieden. Wie bei allen Herzensangelegenheiten wißt Ihr Bescheid, wenn Ihr das Richtige gefunden habt.»
In der dritten Geschichte geht es um Jobs' Begegnung mit dem Tod, dem er im vergangenen Jahr nach einer Krebsdiagnose sehr nah war. Einen Tag lang lebte Jobs mit der Diagnose, daß sein Leben schon sehr bald zu Ende sein würde. Durch eine glückliche Fügung erwies sich sein Krebs als heilbar. Daraus hat Jobs einmal mehr die Konsequenz gezogen: «Eure Zeit ist begrenzt, lebt nicht das Leben eines anderen...Habt den Mut, Eurem Herzen und Eurem Gefühl zu folgen. Denn die wissen schon, was ihr wirklich werden wollt. Alles andere ist nebensächlich...Bleibt hungrig. Bleibt töricht.»
Text: F.A.Z., 06.09.2005, Nr. 207 / Seite 16


