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«Das Harmonie-Dilemma» – Jeder Konflikt verdient eine Chance.
von Verena Birchler
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Wir reden von Hoffnung
Gott hat die Welt nicht aus den Händen gegeben. 13. Oktober 2010, 5.11 Uhr Ortszeit in Chile: Die Kapsel mit dem ersten verschütteten Kumpel ist oben angekom- men. Die Menge jubelt, unzählige Fernsehanstalten übertragen den berührenden Moment live, der chilenische Präsident Sebastian Pinera ist vor Ort und applaudiert. 69 Tage waren 33 Männer in der chilenische Mine eingeschlossen. Ersten Schätzungen zufolge sollte die Rettung erst an Weihnachten möglich sein. Das Weihnachtsmärchen wurde früher wahr.
Wenn 33 Männer 69 Tage lang in der dunklen Welt des chilenischen Bergwerktunnels von San José durchhalten und lebend geborgen werden konnten, hatte das verschiedene Ursachen. Einer der entscheidenden Faktoren dürfte die Hoffnung gewesen sein. Und diese Hoffnung war begründet. Die Verschütteten wussten, dass ihr Unglück nicht unbemerkt bleiben würde. Sie waren überzeugt, dass Menschen sich auf die Suche nach ihnen machen würden.
Einer der 33 war schon mehrmals in einer solchen Lage gewesen. Er konnte den anderen überzeugend vermitteln, dass sie an eine Lösung glauben konnten. Zudem gründete sich ihre Hoffnung auf den Glauben an Gott. So berichteten zwei der Geretteten, nachdem sie aus der Rettungskapsel ausgestiegen waren: «Da unten haben die Hölle und der Himmel um mich gekämpft. Der Himmel hat gewonnen.» Und ein anderer meinte: «Gott hat aus mir in dieser Zeit einen anderen Menschen gemacht. Jetzt muss ich mein Leben neu ordnen.»
Diese Männer haben die Kraft der Hoffnung erlebt. Sie werden vielen anderen in schwierigen Lebenssituationen auch Mut machen können, die Hoffnung nicht aufzugeben.
Wir reden oft von Hoffnung
Tagtäglich benutzen wir die Worte «hoffen», «Hoffnung» oder «hoffentlich». Wir geben unserer Hoffnung Ausdruck mit Sätzen wie: «Ich hoffe, dass ich noch lange gesund sein kann». Oder «Hoffentlich schaffe ich die nächste Prüfung», oder «Hoffentlich kommt am Schluss doch noch alles gut». Das Wort «Hoffnung» wird geradezu inflationär verwendet. Nur zwei Tage nach der Rettung der 33 Kumpels in Chile erlebten die Kumpels und Mineure in der Schweiz den Gotthard- Durchstich. Es war faszinierend. Während alle Geladenen und Arbeiter auf den Durchbruch warteten, meinte einer der Moderatoren: «Wir erwarten jetzt den Durchstich. Wir schauen jetzt ein wenig zu». Die Kamera fixierte das Felsgestein, alle schauten gebannt zu, während noch nichts geschah. Jeder noch so kleine Riss liess die Hoffnung immer mehr zur Gewissheit werden. Die Gotthard-Kumpels standen da und hofften, dass ihre Arbeit nicht nur gewürdigt wird, sondern auch erfolgreich im Auge der Öffentlichkeit zu Ende geht. Und während sich die Bohrmaschine «Sissi» (wer gibt eigentlich einer brachialen Bohrmaschine einen solchen Namen?) durch die letzten zwei Meter bohrte, wurde die Hoffnung immer grösser, dass das Jahrhundertbauwerk erfolgreich einen nächsten wichtigen Etappenschritt erreicht. Während die Berichterstattung lief, gab es immer mehr Risse in der Wand, und damit wurde die Wahrscheinlichkeit, die Mission zu vollenden, immer grösser. Und die Hoffnung erfüllte sich. Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger erlebte diesen Moment emotional mit und meinte direkt nach dem Durchstich: «Mir sind die Tränen gekommen, dass diese jahrelange Hoffnung sich erfüllt hat.» Hoffen ist emotional, erfüllte Hoffnung sowieso.
Hoffnung als Lebenselixier – und was, wenn sie fehlt?
Vor vielen Jahren sah ich einmal ein Graffiti mit den Worten «Sie hoffen immer noch auf Hoffnung». Hoffnungslos zu leben bedeutet, dass das Leben keinen Sinn macht. Ohne den geringsten Antrieb der Hoffnung fehlt jegliche Energie. Die Hoffnungslosigkeit wird zudem noch genährt durch Angst, Sorge, Verzweiflung, Resignation und Depression.
Das Jahr 2010 bot vielen Menschen Anlass, in der Hoffnungslosigkeit zu versinken. 2010 war definitiv ein weiteres Katastrophenjahr. Es begann mit den Erdbeben von Haiti am 12. Januar. Darauf folgten unzählige Katastrophen. Während in Chile die Erde bebte, rissen auf Madeira Fluten ganze Häuser und Kirchen mit sich. Der Vulkan Ejafjallajöküll brachte fast die ganze Reiseindustrie zum Erliegen,im Sommer sassen 2500 Touristen am Machu Picchu fest und warteten tagelang auf die Evakuierung aus dem Überschwemmungsgebiet. Unzählige Erdbeben und Überschwemmungen versetzten in den unterschiedlichsten Erdteilen die Menschen in Angst und Schrecken. Unvergesslich die Bilder vom Ölteppich im Golf von Mexico und die Riesenwellen an der Côte d’Azur. Im Sommer lagen weite Teile von Osteuropa unter Wasser, während in Russland verheerende Waldbrände Atomkraftwerken beängstigend nahe kamen und über Moskau ein Nebel des Grauens lag.
Wann immer ich solche Berichte höre, erstaunt es mich, wenn Menschen trotzdem Hoffnung haben. Woher kommt diese Kraft? Und was mache ich, dass es nicht zynisch und geistlich abgedroschen klingt, wenn ich über die Kraft der Hoffnung schreibe? Hoffnung aufzubringen für die Welt und die Ereignisse, in denen wir leben, ist manchmal kaum möglich. Ereignisse sind oft nicht zu verstehen.
Hoffnung aktiv leben
Es gibt verschiedene Faktoren, die meine Hoffnung am Leben erhalten können. Was mich immer wieder beeindruckt: Gelebte Hoffnung hat ein Gegenüber. Die chilenischen Kumpels wussten, dass über ihnen Menschen und Organisationen waren, die sie noch nicht aufgegeben hatten. Menschen mit ihrem Leben, mit ihrer Geschichte und mit dem, was sie daraus gemacht haben, können Hoffnung wachsen lassen. So erzählte einer der Kumpel, dass er bereits zweimal verschüttet war. Das bedeutete aber auch, dass er bereits zweimal gerettet worden war. Ein nachvollziehbarer Grund zur Hoffnung. Hoffnung schenkte aber auch die gelebte und glaubende Beziehung zu Gott. Jesus selber befand sich in vielen hoffnungslosen Situationen. Sogar als er ans Kreuz genagelt wurde, war dies ein hoffnungsloser, einsamer Moment. Und bereits als kleines Baby hätte er umgebracht werden sollen. Später wurde er verfolgt, geliebt, gehasst und verraten. Die Hoffnungskraft, die Jesus in seinen Vater setzte, liess ihn überleben. Sein Hoffnungsgegenüber war sein Vater und die Gewissheit, dass es nach dem Tod weiter geht.
Diese Gewissheit darf man ruhig Glauben nennen. Das bedeutet aber auch, dass sich Hoffnung nicht nach dem richtet, wie es mir geht oder wie ich mich fühle. Vielleicht ist Hoffnung das, was wir während des Gotthard- Durchstichs erlebt haben. Wir stehen auf der einen Seite einer Mauer. Wir sehen nur die Mauer. Auf der anderen Seite aber arbeitet unser Gott für uns und unser Leben mit einer gewaltigen Kraft. Und wie bei diesem Jahrhundertereignis die ersten Risse Zeuge davon waren, dass die Hoffnung bald wahr werden wird, sehen wir in unserem Leben Spuren davon, dass Gott die Welt noch nicht aus seinen Händen gegeben hat. Dies gilt nicht nur für Menschen, die während des zu Ende gehenden Katastrophenjahres alles verloren haben. Dies gilt auch für Menschen, die ausserhalb der Weltöffentlichkeit ihr ganz persönliches Schicksal hoffend bewältigen können.
Quelle: Wir reden oft von Hoffnung (Medienmagazin antenne)


